Du hast dir das verdient. Oder?
Es ist neun Uhr am Abend. Die Kinder sind endlich im Bett. Die Hausübung war ein Drama, einer hustet schon wieder und morgen um sieben geht alles von vorne los.
Du setzt dich aufs Sofa. Und dann kommt dieser Gedanke.
Boah. Jetzt hab ich mir was verdient.
Sie hat alles richtig gemacht
Ich will dir von einer Athletin erzählen.
Sie ist alleinerziehend und hat wirklich viel um die Ohren. Trotzdem kocht sie jeden Tag frisch für ihre Kinder. Sie frühstückt gut, sie isst bewusst und sie ist regelmäßig bei uns im Training. Nicht ab und zu, wirklich regelmäßig.
Und trotzdem hat sich auf der Waage seit langer Zeit nichts getan.
Ehrlich gesagt haben wir das lange nicht verstanden. Ich auch nicht. Sie hat so viel richtig gemacht.
Wenn sich die Waage trotz allem nicht bewegt, kann das viele Gründe haben. Manchmal isst man sogar zu wenig, um abzunehmen. Bei ihr war es was anderes.
Erst im Nutrition Coaching sind wir draufgekommen. Wir sind ihre Tage und auch Alltagsstruktur gemeinsam durchgegangen. Sie war zu unserem Vorteil gerade in einer herausfordernden Phase. Und irgendwann war klar, was am Abend passiert.
Sie hat gegessen und zwar nicht ein bisschen. Wenn der Tag hart war, war am Ende die ganze Chipspackung leer.
Wie schnell so ein Abend einen ganzen Tag voller guter Entscheidungen kippt, hab ich dir im Beispieltag mit den versteckten Kalorien vorgerechnet.
Das Verrückte daran? Es war ihr gar nicht richtig bewusst. Vor allem nicht die Menge. Sie hat es irgendwie ausgeblendet. Weil es in dem Moment nicht ums Essen ging. Sondern darum, dass der Tag endlich vorbei war.
Es beginnt mit einem Eis
Warum machen wir das eigentlich? Denk mal an deine Kindheit zurück…
Wenn du brav bist, gibt’s später ein Eis.
Hör auf zu weinen, dann holen wir uns was gutes beim Bäcker.
Iss auf, sonst gibt’s keinen Nachtisch.
Kein Vorwurf an deine Eltern. Das haben fast alle so gemacht, aus Liebe und guten Intentionen. Aber gelernt haben wir dabei was ziemlich Eindeutiges. Essen ist Belohnung. Essen ist Trost. Und ganz besonders Süßes.
Heute sind es nicht mehr deine Eltern, die dir das Eis geben. Heute bist das du. Du gönnst dir die Schokolade, weil der Tag so anstrengend war. Du holst dir die Chips, weil du durchgehalten hast.
Das ist emotionales Essen. Und es hat viele Gesichter. Manche essen aus Langeweile, manche aus Frust, manche feiern einen Erfolg mit Essen. Und manche essen fast gar nichts mehr, wenn es ihnen schlecht geht. Was ich bei BRIZZLY aber am öftesten sehe, ist genau das von oben. Mein Tag war so schwer, jetzt bin ich dran.
Mir geht’s genauso
Damit du nicht glaubst, ich red da von oben herab. Ich bin selbst ein emotionaler Esser.
Bei mir ist es kein Tagesding mehr. Bei mir kommt’s nach längeren Phasen, in denen ich viel Druck hatte. Wenn der Druck abfällt und ich endlich wieder Zeit für mich hab, will ich mir was Gutes tun. Und dann muss ich echt aufpassen, dass ich nicht beim Bäcker lande. Schokocroissants sind mein Ding.
Deswegen hab ich eine ganz einfache Regel. Ich hab nichts Süßes daheim. Gar nichts. Keine Chips, keine Milchschokolade, keine Croissants. Einfach nichts.
Das Einzige was annähernd süß ist, was bei mir im Schrank liegt, ist 90-prozentige Schokolade für nach dem Kaffee. Und wer die schon mal probiert hat, weiß, dass man davon nicht viel essen kann.
Ich weiß ganz genau, wenn bei mir ein Glas Nutella stehen würde, wär das in kürzester Zeit leer. Deswegen steht keins da. Ich muss mich nicht jeden Abend zusammenreißen. Die Entscheidung ist schon gefallen, bevor der Abend überhaupt anfängt.
Drei Strategien, die wirklich helfen
Ich bin übrigens kein Gegner davon, dass du dir was Gutes tust, wenn du eine harte Zeit hast. Im Gegenteil. Die Frage ist nur, ob das immer Essen sein muss.
1. Mach es unmöglich.
Das ist meine. Hab die Sachen nicht daheim. Die Lust kann trotzdem kommen, aber du kannst nicht zugreifen. Und wenn du weißt, dass nichts da ist, vergeht der Gedanke erstaunlich schnell. Wenn nicht, frag dich ehrlich, wie wahrscheinlich es ist, dass du um neun am Abend noch ins Auto steigst und zur Tankstelle fährst.
Das funktioniert übrigens auch umgekehrt. Was daheim liegt, isst du. Deswegen rat ich dir auch, deine Lieblings-Proteinquellen immer daheim zu haben.
2. Hab eine bessere Alternative da.
Damit hat meine Athletin von vorher angefangen, weil es sich am leichtesten angefühlt hat. Kein Verbot, sondern ein kleiner Tausch. Vielleicht erst dunkle statt Milchschokolade. Ein paar Wochen später Beeren oder was anderes. Je kleiner und leichter die Schritte sind, desto nachhaltiger ist es in den meisten Fällen.
3. Stell dir einen 5-Minuten-Timer.
Das war bei ihr der Wendepunkt. Wenn der Impuls kommt, nimm dein Handy und stell den Timer. In diesen fünf Minuten fragst du dich, ob es wirklich Essen ist, was du gerade brauchst. Und warum du es jetzt willst. Danach entscheidest du neu. Vielleicht isst du trotzdem was, das ist okay. Aber du hast bewusst entschieden.
Ich sag’s dir ehrlich, am Anfang hat sie sich richtig gegen den Timer gewehrt. Fünf Minuten nur mit sich selbst und dem Gefühl, welches sie sonst so gut umgangen ist. Das ist unangenehm. Aber genau dadurch hat sie gesehen, wie oft sie das eigentlich macht und was in diesen Momenten wirklich in ihr vorgeht.
Die Chipspackung war nie das Problem
Und dann konnten wir endlich an die Wurzel. Wir haben nicht mehr nur auf den Abend geschaut, sondern auf den Tag davor. Wann geht ihr die Energie aus? Wann staut sich der Druck? Und wo kann sie ihn loswerden, bevor sie am Sofa landet?
Denn das Problem war nie die Chipspackung. Das Problem war ein Tag, an dem sie für alle da war, nur nicht für sich selbst.
Wie ihre Geschichte weitergeht, wird die Zukunft zeigen. Aber eins ist heute anders. Sie weiß, was am Abend passiert. Und warum.
Du musst Essen und Emotionen nicht komplett trennen. Das schafft wohl keiner. Aber wenn du die Verbindung nur ein kleines bisschen lockerst, wird dir jede Entscheidung leichter fallen.
Und falls hinter deinem emotionalen Essen etwas Tieferes steckt, eine schwere Erfahrung oder ein Verhältnis zum Essen, das dich wirklich belastet, dann ignorier das bitte nicht. Such dir jemanden, der darauf spezialisiert ist. Auch das ist nichts anderes als Coaching…
Wenn du also das nächste Mal nach so einem Tag am Sofa sitzt und dir denkst, jetzt hast du dir was verdient, dann hast du recht. Du hast dir was verdient. Die Frage ist nur, was dir wirklich guttut.
Probier eine der drei Strategien aus. Nur eine. Und schau, was passiert.
Was ist emotionales Essen?
Emotionales Essen heißt, dass du nicht aus Hunger isst, sondern wegen eines Gefühls. Stress, Frust, Langeweile, Traurigkeit oder auch Freude. Oft ist es ein Muster, das schon in der Kindheit gelernt wurde, als Essen Belohnung oder Trost war.
Warum esse ich abends so viel, obwohl ich tagsüber gesund esse?
Weil der Abend oft der erste Moment am Tag ist, der nur dir gehört. Wenn du tagsüber für alle funktionierst, wird Essen am Abend schnell zur Belohnung. Das ist kein Disziplinproblem, sondern meistens ein Zeichen, dass dir tagsüber etwas fehlt.
Wie kann ich emotionales Essen stoppen?
Drei Strategien helfen besonders. Die Sachen gar nicht daheim haben, eine bessere Alternative bereithalten, und bei einem Impuls einen 5-Minuten-Timer stellen, bevor du entscheidest. Langfristig lohnt es sich, auch auf den Tag davor zu schauen und Stress schon früher abzubauen.
Wann sollte ich mir professionelle Hilfe holen?
Wenn hinter dem emotionalen Essen schwere Erfahrungen stecken oder dein Verhältnis zum Essen dich stark belastet. Dann ist eine spezialisierte Fachperson der richtige Ansprechpartner.







